auf dem Weg zu einer besseren Schule!
Prof. Dr. Rita Süssmuth, Vorstandspräsidentin des buddY E.V., spricht über die Zukunft von Schule in Deutschland und die Rolle des Buddy-Projekts.
Vor welchen konkreten Herausforderungen steht Deutschlands Bildungslandschaft in den kommenden Jahren?
Unser Schulsystem muss endlich so aufgestellt werden, dass wir stärker die individuellen Potenziale unserer Kinder statt ihre Defizite im Blick haben. Wir brauchen mehr individuelle Förderung und müssen daher Formen des Lernens und des Lehrens Raum geben, die dieses Ziel unterstützen. Mehr Sensibilität für den Einzelnen in Schule ist gefragt, schließlich müssen Bildungseinrichtungen viel mehr leisten als bloße Wissensvermittlung: Schule muss zu einem Lebensraum werden, der die Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen erfüllt. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass Lernen nur dann erfolgreich ist, wenn es auf sozialer, kognitiver und emotionaler Ebene stattfindet und für den Lernenden konkret nutzbar ist. Frontalunterricht hat sich dazu nur bedingt als probates Mittel erwiesen. Zu viele Schüler verlassen die Schule ohne Schulabschluss, jährlich 80.000. Hunderttausende warten auf einen Ausbildungsplatz. Mehr als 20 Prozent gelten als nur bedingt ausbildungsfähig (PISA 2003).
Die Durchlässigkeitschancen bestehen auf dem Papier, in der Praxis liegen sie statistisch bei 15 Prozent. Die Zahl der Absteiger vom Gymnasium auf Real- und Hauptschulen ist weitaus größer als die der Aufsteiger. Das dreigliedrige Schulsystem leistet nicht, was es zu leisten beansprucht. Grundschüler bereits nach der vierten Klasse auf Haupt-, Realschulen und Gymnasien aufzuteilen, ist viel zu früh. Im europäischen Vergleich sehen wir, dass nur im deutschsprachigen Raum an dieser Tradition festgehalten wird, während sich unsere Nachbarn längst von diesem Konzept verabschiedet haben. Fakt ist, dass Schüler enorm davon profitieren, dass sie länger gemeinsam und vor allem altersübergreifend lernen. In Deutschland setzt sich diese Erkenntnis immer stärker durch, jedoch fehlt bei uns noch der Schritt vom Sehen zum Handeln. Wir brauchen eine „neue Schule“, die gerecht und leistungsstark ist.
Welche Kompetenzen und Fähigkeiten müssen die Erwachsenen von morgen mitbringen, um in der Arbeitswelt bestehen zu können?
Um in der Welt von morgen erfolgreich zu sein, ist es wichtig, dass die Kinder von heute persönliche Kompetenzen auf emotionaler, sozialer und kognitiver Ebene entwickeln. Das bedeutet, dass sie zu Wissens- und charakterstarken Menschen heranwachsen können und auf Grundlage ihres gesunden Menschverstandes in der Lage sind, eigenverantwortlich zu handeln. Zu oft wird in unserer Gesellschaft gerade die Ausbildung emotionaler und sozialer Kompetenzen vernachlässigt und zu einseitig Wert auf den kognitiven Erwerb von Wissen gelegt. Aber um in einer Gemeinschaft leben zu können, sind Empathie und ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse und die unserer Mitmenschen unablässig. Erwachsene von morgen müssen in der Lage und willens sein, Zeit ihres Lebens weiter zu lernen und sich weiter zu entwickeln.
In einer global vernetzten Welt brauchen wir Mehrsprachigkeit, Vertrautheit im Umgang mit den modernen digitalen Medien, Allgemeinbildung kombiniert mit guten ausbaufähigen Fachkenntnissen. Die alte Unterscheidung von „hard-“ und „soft skills“ gehört der Vergangenheit an. Gerade die sozialen und interkulturellen Kompetenzen zählen international zu den „hard skills“. Sie sind nicht weniger wichtig als Sprachen und Naturwissenschaften. Nun ist es Aufgabe von uns Erwachsenen, unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, diese Fähigkeiten auch zu erwerben.
Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Buddy-Projekt?
Das Buddy-Projekt ist ein Programm zum sozialen und zugleich kognitiven Lernen, das primär auf die Potenziale der Kinder, auf ihre spezifischen Stärken und Fähigkeiten setzt. Kinder und Jugendliche sollen in und außerhalb der Schule ihre wichtigen persönlichen Kompetenzen ausbilden. Schüler, die sich als Buddys engagieren, stehen ihren jüngeren Mitschülern als Paten zur Seite oder helfen anderen dabei, Konflikte und Streit zu lösen. Dadurch lernen sie, Konflikte auf eine gewaltfreie und konstruktive Weise zu lösen und füreinander da zu sein, aufeinander zu achten. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Buddy-Projekts ist sein Beitrag für die individuelle Förderung von Schülern auf der Basis von „Schüler für Schüler“. Unterricht nach dem Buddy-Prinzip bedeutet, dass Schüler gemeinsam lernen und sich gegenseitig mit dem Unterrichtsstoff helfen. Lernstärkere Schüler unterstützen ihre lernschwächeren Mitschüler. Der Lehrer ist dabei ein Lernbegleiter im Sinne eines Coaches. An Buddy-Schulen findet Unterricht häufig alterübergreifend statt, was zu einem wechselseitigen Kompetenzerwerb zwischen Älteren und Jüngeren führt, von dem beide profitieren. Auch die Trennung zwischen den einzelnen Schulformen brechen Buddys häufig auf: Hauptschüler kümmern sich als Lernhelfer um Kinder aus Förderschulen, üben mit ihnen Lesen und Schreiben oder helfen ihnen, wenn sie körperlich benachteiligt sind. Das Buddy-Prinzip geht sogar über die Schule hinaus: Wir wissen, dass zahlreiche Buddys in Seniorenheime gehen und für die älteren Mitbürger Computerkurse veranstalten oder ihnen erklären, wie man mit einem Handy SMS verschickt. Das Buddy-Projekt hat eine stark integrative Wirkung, da es Menschen miteinander verbindet und eine zwischenmenschliche Beziehung zwischen ihnen herstellt.
Zuletzt ist von Ihnen das Buch erschienen „Migration und Integration: Testfall für unsere Gesellschaft“. Warum will uns die Integration von Migrantenkindern nicht gelingen?
Wir haben gerade erst begonnen, ernsthaft die Integration der besonders sozial und ökonomisch benachteiligten Migrantenkinder vorschulisch und schulisch voran zu bringen. Jahrzehntelang wurde davon ausgegangen, dass die Migrantenfamilien sich nur befristet in Deutschland aufhalten und danach in ihre Herkunftsländer zurückkehren. Die Realität sieht anders aus. Viele sind nach dem Anwerbestopp 1973 zurückgewandert, aber Millionen sind geblieben. In Deutschland leben laut Mikrozensus 15,7 Millionen Migranten, das heißt fast 20 Prozent. Immer wieder wurde öffentlich behauptet, dass Integration von Menschen aus anderen Kulturen nicht gelingen könne. Zu verschieden seien die Lebensstile, die Bildungsvoraussetzungen und die religiösen Bindungen.
Inzwischen haben uns gute Schulen gezeigt, welche Potenziale Migrantinnen und Migranten mitbringen, wie sehr viele von ihnen motiviert sind, mit größten Anstrengungen wirtschaftlich und sozial aufzusteigen. Entscheidend ist, möglichst früh zu beginnen und soziale Zugehörigkeit zu ermöglichen. Frühe Sprachförderung, Verbesserung der Bildungschancen durch individuelle Förderung, mehr Gelegenheit zur Integration durch entsprechende Angebote in Ganztagsschulen erhöhen Beteiligung und verringern Ausgrenzung.
Bildungschancen hängen nicht primär von der ethnischen Zugehörigkeit, sondern vom sozioökonomischen Status ab.
Es fehlte bislang an Wertschätzung, bestimmend waren die Defizite, nicht die Potenziale. Die Förderung begabter und hochbegabter Schüler/innen und Studierender gibt es erst wenige Jahre. Angesichts unserer demographischen Lage und unserer humanen und demokratischen Überzeugungen haben wir in Deutschland zu beweisen, dass Integration der Migranten wie die Teilhabe aller in Deutschland lebender Angehörigen anderer Kulturen und sozial benachteiligten Gruppen gelingen kann.
Sie sind selbst Mutter einer Tochter. Wie haben Sie den Schulalltag Ihres Kindes erlebt? Was schätzen Sie am deutschen Schulsystem, was weniger?
Unsere Tochter ging gerne zur Schule, sie nahm sie vielleicht manchmal zu ernst. Da sie sehr selbstständig war, haben wir uns um die Schulaufgaben wenig kümmern brauchen. Sie hat gute, engagierte Pädagogen gehabt, aber auch solche, die nur ihren Fachunterricht abhielten und sich wenig um das einzelne Kind und seine Nöte kümmerten. Entscheidend im Gymnasium war stets das Fachliche. Geschätzt habe ich die beeindruckenden Lehrerpersönlichkeiten, die zugleich fachlich kompetent und beziehungsstark waren. Geschätzt habe ich auch die Kombination von reproduktivem und problemlösendem kreativen Lernen.
Negativ stößt bei mir bis heute auf, wie sehr die Schulchancen eines Kindes vom Elternhaus abhängen, besser gesagt von den Möglichkeiten, ihre Kinder emotional und fachlich zu unterstützen.
Milliarden werden in der Bundesrepublik für Nachhilfestunden von den Eltern gezahlt. Zu viele junge Menschen bleiben auf der Strecke. Unser Schulsystem ist stärker auslesend als fördernd. Die erzieherischen Probleme haben in jüngster Zeit zu einer Öffnung der Schule geführt. Sozialarbeiter arbeiten mit Fachlehrkräften zusammen, vor allem in den Haupt- und Förderschulen. Sport- und Musikvereine haben ebenso Zugang wie die Wirtschaft. Und endlich wird der Stellenwert der Lehrerbildung, der didaktisch-pädagogischen Ausbildung wieder entdeckt. Wir sind endlich auf dem Weg zu einer besseren Schule.
buddY E.V.
Der Buddy-Film
Lernen Sie die Aktivitäten der BuddYs besser kennen: der buddY-Film stellt Ihnen Projekte vor und erklärt das zugrunde liegende Konzept - inklusive Statements von Akteuren des buddY-Programms und einem Interview mit Frau Prof. Dr. Rita Süssmuth.mehr
Buddys Im EInSATZ
Der buddY-Projekt-
datenbank können Sie entnehmen, welche Schulen bundesweit mit dem buddY-Programm arbeiten. Manche Schulen stellen ihre Praxisprojekte auch genauer vor. Lehrer und BuddYs haben die Möglichkeit, von ihrem Engagement zu berichten.mehr





